Montag, 18. November 2013
Mein gläsernes Gefängis
Ich lebe in einer Schneekugel, von mir selbst geschaffen. Unbewusst nach und nach aufgebaut, als Schutz vor der Welt. Erst viel zu spät erkannt ich, das ich ein- und nicht die Welt ausgesperrt wurde. Nun lebe ich hinter meinem Glas aus Angst, das mich von der Welt trennt. Immer wieder nimmt jemand meine Kugel in die Hand und schüttelt. Dann tobt der Schneesturm um mich herum und ich bin meinen Gefühlen ausgeliefert.

Von außen wirkt mein Verhalten sicher oft nicht nachvollziehbar oder auch völlig übertrieben. Ich kann verstehen, das es so wirkt, aber es ist nicht einfach etwas dagegen zu tun, sich der Angst zu Stellen. Ich habe eine Soziale Phobie. Viele Menschen können sich darunter nichts vorstellen, weil sie einfach noch nichts damit zu tun hatten. Jeder Mensch ist anders und so leidet auch jeder Betroffene anders unter dieser Krankheit. Ja, es ist eine Krankheit. Man kann sie nicht so einfach sehen wie einen gebrochen Arm, aber sie ist da. Ich kann nur für mich sprechen, aber ich denke viele Betroffene leiden unter den Vorurteilen die man in der ein oder anderen Form zu spüren bekommt. „Stell dich nicht so an!“ oder „Du musst es nur wollen!“ sind typische Beispiele dafür. Wenn mir Letzteres vorgeworfen wird, stellt sich mir immer die gleiche Frage: Denkt mein Gegenüber ernsthaft, das es mir einfach nur an gutem Willen fehlt? Für mich schwingt bei dieser Aussage immer indirekt mit, das ich mit meinem Schicksal ja zufrieden sein muss, wenn ich es nicht einfach ändere. Nein, ich bin nicht zufrieden mit meiner Krankheit (Wer wäre das schon?). Wie könnte ich es auch. Ich beschreibe mich gerne als so selbstständig wie ein Kleinkind obwohl mein Neffe mich wohl bald überholt. Nur um es einmal klar zu stellen, ich hatte ein Leben vor der Krankheit. Ein ganz normales Leben, Freunde, Abitur, Führerschein -alles ganz normal. Heute ist nichts mehr normal. Ich gehe nicht alleine aus dem Haus, immer muss mich jemand begleiten. Menschenmengen sind mir ein Horror, der mich im schlimmsten Fall in eine Panikattacke treibt. Gleiches gilt für unbekannte Orte und Situationen. Ich telefoniere nicht, nie. Weder rufe ich irgendwo an noch hebe ich ab, wenn es klingelt. Auto gefahren bin ich seit einem guten Jahr nicht mehr und meine sozialen Kontakte bestehen nur noch aus meiner Familie und meinem Freund. Einmal in der Woche treffe ich bei der Ergotherapie auf andere Menschen mit psychischen Problemen. Das war´s. Meine beste Freundin hat sich von mir abgewandt, weil sie nicht damit klar gekommen ist wie mich meine Phobie verändert hat. Ein schmerzlicher Verlust für mich, denn wir kannten uns schon aus der Kindergartenzeit. Ich schreibe das nicht um Mitleid zu bekommen. Betroffene wollen meist kein Mitleid. Sie wollen das ihre Erkrankung als solche anerkannt wird, so selbstverständlich wie ein gebrochener Arm. Und das es keine Frage des Willens ist.

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